Zwischen dem Frühstück und der Hauptmahlzeit liegen in der Tradition die Stunden für Arbeit, die Sorgfalt braucht. Der Vormittag hat wenige Regeln, aber eine klare Richtung: das Schwere zuerst, das Essen später, dazwischen Wasser.
Ein Abschnitt, der kaum beschrieben wird
Über den Morgen schreiben die alten Texte seitenweise, über den Vormittag fast nichts. Das hat einen einfachen Grund: Nach Bad, Gebet und Frühstück beginnt die Arbeit, und die war für die meisten Menschen nicht frei gewählt. Der Bauer ging aufs Feld, der Schüler zum Lehrer, die Hausfrau in die Küche. Die Überlieferung musste diesen Teil des Tages nicht regeln, weil er sich von selbst füllte.
Trotzdem lässt sich aus verstreuten Stellen ein Bild zusammensetzen. Der Vormittag liegt auf dem Zifferblatt zunächst im Kapha-Abschnitt, der bis etwa zehn Uhr reicht, und geht dann in den Pitta-Abschnitt über. Die Tradition beschreibt die frühen Stunden als ruhig und etwas träge, die späten als warm und wach. Daraus folgt eine Reihenfolge, die man auch ohne jede Lehre kennt: Erst in Gang kommen, dann das Schwierige erledigen.
Das Schwere zuerst
In der Überlieferung gilt der späte Vormittag als gute Zeit für alles, was Urteilskraft verlangt: Rechnungen prüfen, Entscheidungen treffen, Texte lesen, die Aufmerksamkeit brauchen. Schüler lernten in vielen Gegenden Indiens traditionell am Vormittag, bevor die Hitze kam. Auch hierzulande kennen die meisten das Gefühl, dass zwischen neun und zwölf mehr gelingt als am frühen Nachmittag.
Praktisch heißt das: Die wichtigste Aufgabe des Tages wird am Vorabend auf einen Zettel geschrieben und am nächsten Morgen als erste erledigt, bevor das Postfach geöffnet wird. Besprechungen und Telefonate, die vor allem Austausch sind, passen besser in den Nachmittag. Wer im Büro wenig Einfluss auf den Kalender hat, kann wenigstens die erste Stunde nach Arbeitsbeginn für eine einzige Sache freihalten.
Wasser in kleinen Schlucken
Was man über den Tag trinkt, beschreibt die Tradition recht genau. Wasser wird nicht in großen Mengen auf einmal getrunken, sondern in kleinen Schlucken über den Vormittag verteilt, bevorzugt warm oder zimmerwarm. Eiskalte Getränke spielen in der Überlieferung kaum eine Rolle. Manche Familien halten morgens eine Thermoskanne mit abgekochtem Wasser bereit, aus der man den ganzen Vormittag trinkt.
Diese Gewohnheit lässt sich ohne Aufwand übernehmen. Eine Kanne oder Flasche auf dem Schreibtisch, gefüllt mit warmem Wasser, in das ein paar Scheiben frischer Ingwer oder ein Zweig Minze kommen. Wie viel man trinkt, bleibt dabei eine Frage von Durst, Wetter und Bewegung. Die Verbraucherzentralen geben dazu allgemeine Richtwerte, auf die unten verwiesen wird.
Keine Zwischenmahlzeit
Zwischen Frühstück und Mittagessen sieht die Überlieferung in der Regel nichts Festes vor. Die Mahlzeiten sollen Abstand haben, damit man bei der nächsten mit echtem Appetit am Tisch sitzt. Ein Stück Obst oder ein paar Nüsse sind in vielen Familien trotzdem üblich, vor allem für Kinder und für alle, die körperlich schwer arbeiten.
Für einen Büroalltag bedeutet das vor allem, das ständige Naschen nebenbei zu lassen. Kekse auf dem Schreibtisch, ein Riegel zur Besprechung, ein zweites Croissant am Kaffeeautomaten: All das schiebt den Hunger auf den Mittag nach hinten, sodass die Hauptmahlzeit dann klein ausfällt oder ganz ausgelassen wird. Wer um halb elf wirklich Hunger hat, war beim Frühstück zu sparsam und kann am nächsten Tag etwas mehr Brei kochen.
Die Küche am Vormittag
In indischen Haushalten beginnt am späten Vormittag die Vorbereitung für das Mittagessen. Linsen werden eingeweicht oder schon gekocht, Gemüse geschnitten, Teig für die Fladenbrote geknetet. Wer zu Hause arbeitet, kann diese Reihenfolge übernehmen und um elf Uhr für zehn Minuten in die Küche gehen: Reis aufsetzen, Zwiebeln schneiden, den Topf mit dem Dal vom Vorabend aus dem Kühlschrank holen.
Für alle anderen verlagert sich diese Vorbereitung auf den Abend davor oder auf das Wochenende. Eine Dose mit gekochtem Dal und Reis, morgens in die Tasche gepackt, macht aus der Mittagspause eine Mahlzeit, die dem Gedanken der Tradition ziemlich nahekommt. Wie ein solcher Teller aufgebaut ist, steht auf der Seite über die Hauptmahlzeit am Mittag.
Licht und Luft
Ein Detail aus der Überlieferung verdient Aufmerksamkeit, weil es so selbstverständlich klingt: Arbeit am Vormittag geschieht im Tageslicht. Wer kann, setzt sich ans Fenster, öffnet es einmal pro Stunde und geht in der Pause ein paar Schritte vor die Tür. Schon fünf Minuten auf dem Hof oder auf dem Balkon reichen, um den Blick einmal in die Ferne zu richten. Arbeitsschutzstellen weisen seit Langem darauf hin, dass Tageslicht für den Rhythmus des Tages eine Rolle spielt. Die Tradition ist hier nicht weit von solchen Hinweisen entfernt, auch wenn sie andere Worte dafür hat.
Wie der Morgen davor aussieht, steht auf der Seite über den Ablauf vor dem Frühstück. Und wer wissen möchte, was nach dem Mittagessen kommt, liest beim Nachmittag mit Chai und Pause weiter.
Zum Nachlesen: Verbraucherzentrale: Wie viel trinken am Tag? · LIA.nrw: Fakten zur inneren Uhr (PDF)
Die Uhrzeiten auf dieser Seite sind Richtwerte aus der Überlieferung. Jeder Tag hat seine eigenen Pflichten, und kein Wecker klingelt bei allen zur selben Zeit.