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Ayurveda im TageslaufGewohnheiten der Tradition, nach Uhrzeit

Die Hauptmahlzeit am Mittag: wie ein Teller aufgebaut ist

Die Hauptmahlzeit in der Tagesmitte und wie ein Teller aufgebaut ist

In der ayurvedischen Tradition ist das Mittagessen die wichtigste Mahlzeit des Tages. Es kommt warm auf den Tisch, es wird in Ruhe gegessen, und auf dem Teller hat jede Schale ihren Platz. Ein Blick auf den Aufbau eines solchen Tellers und auf das, was sich davon in eine Mittagspause retten lässt.

Warum mittags

Auf dem Zifferblatt der Tradition liegt die Mittagszeit mitten im Pitta-Abschnitt, der von etwa zehn bis vierzehn Uhr reicht. Pitta steht in der Lehre für Wärme und Umwandlung. Daraus leiten die Texte ab, dass das größte und reichhaltigste Essen in diese Stunden gehört. Die Sonne steht am höchsten, das Feuer im Herd und, nach der Bildsprache der Überlieferung, auch das Feuer im Menschen.

Man muss dieser Bildsprache nicht folgen, um den praktischen Kern zu sehen. Wer mittags ordentlich isst, hat am Abend weniger Hunger und kann die letzte Mahlzeit klein halten. Genau diese Verteilung, viel am Mittag und wenig am Abend, zieht sich durch alle Beschreibungen des ayurvedischen Tages. In vielen Ländern Südeuropas ist sie bis heute üblich, und auch hierzulande war das warme Mittagessen lange die Regel.

Der Teller in Schalen

In weiten Teilen Indiens wird das Mittagessen als Thali serviert: ein großer runder Teller aus Metall, auf dem mehrere kleine Schalen stehen. In der Mitte liegen Reis und Fladenbrot, in den Schalen ringsum das, was dazu gegessen wird. Die Zusammenstellung wechselt von Region zu Region und von Tag zu Tag, das Grundmuster bleibt aber erstaunlich gleich.

PlatzWas hineinkommtBeispiel
MitteGetreideBasmatireis, Chapati, im Norden oft beides
Schale 1Hülsenfrüchtegelbes Mung-Dal, rote Linsen, Kichererbsen
Schale 2gegartes GemüseSpinat mit Kreuzkümmel, Kürbis, grüne Bohnen
Schale 3etwas SäuerlichesJoghurt, Raita mit Gurke, ein Löffel Chutney
RandWürzeeine Scheibe Zitrone, Pickle, rohe Zwiebelringe
zum Schlussetwas Süßesein Stück Jaggery, ein paar Löffel Reispudding

Die Tradition beschreibt die Mahlzeit über sechs Geschmacksrichtungen: süß, sauer, salzig, scharf, bitter und herb. Ein vollständiges Mittagessen soll alle sechs enthalten, wenn auch in sehr unterschiedlichen Mengen. Süß ist dabei nicht nur Zucker, sondern auch Reis, Brot und Milch. Bitter und herb stecken in grünem Blattgemüse, in Linsen und in Gewürzen wie Kurkuma. Das Schema klingt streng, ergibt in der Küche aber einfach einen Teller, auf dem viel Abwechslung liegt.

Dal als Mittelpunkt

Keine Schale ist so beständig wie die mit dem Dal. Gemeint sind geschälte, halbierte Hülsenfrüchte, die weich gekocht und zum Schluss mit gewürztem Fett übergossen werden. Gelbe Mungbohnen kochen in etwa 25 Minuten, rote Linsen noch schneller. Beide müssen nicht eingeweicht werden.

Ein einfaches Dal für zwei Personen: 150 Gramm gelbe Mungbohnen waschen, mit 600 Milliliter Wasser, einem halben Teelöffel Kurkuma und etwas Salz aufkochen und zugedeckt weich garen. In einer kleinen Pfanne einen Esslöffel Ghee erhitzen, einen Teelöffel Kreuzkümmel darin kurz rösten, eine gehackte Knoblauchzehe und eine Prise Asafoetida dazugeben und alles über das Dal gießen. Dieser letzte Schritt heißt Tadka und gibt dem Gericht seinen Duft. Mehr zu den Gewürzen darin steht auf der Seite über Gewürze im Tageslauf.

Wie gegessen wird

Mindestens so wichtig wie der Inhalt ist in der Überlieferung die Art zu essen. Man setzt sich hin, man isst nicht nebenbei, und man isst erst, wenn die vorige Mahlzeit lange genug zurückliegt. Die Texte raten, den Magen etwa zur Hälfte mit Essen, zu einem Viertel mit Flüssigkeit zu füllen und ein Viertel frei zu lassen. Wer satt, aber nicht voll vom Tisch aufsteht, hat das Maß getroffen.

Dazu gehören kleine Gewohnheiten: vor dem Essen die Hände waschen, die ersten Bissen langsam nehmen, während der Mahlzeit nur wenig und eher warm trinken. Nach dem Essen sieht die Tradition einen kurzen Gang vor, hundert Schritte, und keine schwere Arbeit für die nächste halbe Stunde.

Im Büro

Wer mittags in einer Kantine oder am Schreibtisch isst, kann den Thali nicht nachbauen. Einige Grundzüge lassen sich trotzdem mitnehmen:

  • das warme Gericht dem kalten Brötchen vorziehen, wo es eine Wahl gibt
  • eine Dose mit Reis und Dal vom Vorabend mitbringen und im Büro aufwärmen
  • zum Hauptgericht eine Schale Gemüse oder Salat nehmen, dazu einen Joghurt
  • den Bildschirm für zwanzig Minuten wirklich ausschalten
  • nach dem Essen einmal um den Block gehen statt gleich zurück an den Platz

Wer abends kocht, kann bewusst die doppelte Menge Dal und Reis zubereiten. Am nächsten Mittag ergibt das zusammen mit einem Rest gedünstetem Gemüse und einem Löffel Joghurt einen kleinen Thali in einer Dose. Damit verschiebt sich auch das Gewicht des Tages: Das Abendessen kann kleiner werden, so wie es die Seite über den Abend beschreibt.

Wenn der Mittag ausfällt

Nicht jeder Arbeitstag lässt eine Mittagspause zu. Schichtdienst, Außentermine, Kinder, die um eins abgeholt werden wollen: Die Tradition rechnet mit solchen Tagen nicht, das Leben schon. Dann gilt eine einfache Regel aus den Texten in abgewandelter Form. Die größte Mahlzeit liegt in der wachsten Zeit des eigenen Tages, und die letzte Mahlzeit bleibt die kleinste. Wer nachts arbeitet, verschiebt das ganze Zifferblatt.

An solchen Tagen hilft ein kleiner Vorrat im Büro oder in der Tasche, damit der Mittag nicht aus einem Riegel im Stehen besteht: eine Dose mit gekochtem Reis und Linsen, ein Stück Fladenbrot, ein Apfel. Das ist kein Thali, aber es ist eine Mahlzeit, für die man sich zehn Minuten hinsetzen kann. Und am Wochenende, wenn Zeit ist, darf das Mittagessen wieder so ausfallen, wie die Tradition es beschreibt, mit vielen Schalen und ohne Uhr im Blick.

Zum Nachlesen: BZfE: Hülsenfrüchte · DGE: Gut essen und trinken

Die Uhrzeiten auf dieser Seite sind Richtwerte aus der Überlieferung. Jeder Tag hat seine eigenen Pflichten, und kein Wecker klingelt bei allen zur selben Zeit.