Der Abend ist in der ayurvedischen Tradition das Spiegelbild des Morgens. Die Mahlzeit wird kleiner, das Licht schwächer, die Gespräche leiser. Am Ende steht in vielen Familien eine Tasse warme Milch mit Gewürzen.
Das Abendessen kommt früh
In der ayurvedischen Tradition ist das Mittagessen die große Mahlzeit des Tages. Der Abend bekommt eine kleinere, leichtere Portion, und zwar möglichst bevor es dunkel wird. Die Texte sprechen davon, zwischen der letzten Mahlzeit und dem Schlafen einige Stunden vergehen zu lassen. Wer um elf ins Bett geht, isst nach dieser Regel spätestens um acht.
Für viele Familien hierzulande ist das ein Bruch mit der Gewohnheit, denn das warme Abendessen ist oft die einzige Mahlzeit, bei der alle am Tisch sitzen. Ein Mittelweg: das gemeinsame Essen beibehalten, aber einfacher kochen. Eine Suppe, ein Linsengericht, gedünstetes Gemüse mit Reis. Große Bratenstücke, Käseplatten und Nachtische verschieben sich, wo es geht, auf die Tagesmitte. Was sich mittags nicht unterbringen lässt, kommt am Wochenende auf den Tisch.
Was abends auf den Teller kommt
Die Überlieferung bevorzugt am Abend Speisen, die warm, weich und nicht zu fett sind. Typisch ist Kitchari, ein Brei aus Reis und gelben Mungbohnen, mit wenig Gewürz gekocht. Ebenso passen eine Gemüsesuppe mit einem Stück Fladenbrot, ein dünnes Dal mit Reis oder gedünstetes Gemüse mit etwas Ghee. Rohkost, Joghurt und kalte Getränke stehen in den Texten eher auf der Liste für den Mittag.
Eine einfache Faustregel für den Alltag: Abends gibt es eine Schüssel statt eines Tellers. Ein Eintopf, eine Suppe, ein Brei. Was in eine Schüssel passt, ist meist schon von selbst kleiner und leichter als das, was auf einem großen Teller Platz findet.
Wer mittags nur ein Brot gegessen hat, wird abends trotzdem Hunger haben, und das ist in Ordnung. Die Regel der Tradition ist kein Verbot, sondern eine Gewichtung über den ganzen Tag. Sie funktioniert am besten, wenn der Mittag kräftig ausfällt; wie das im Alltag gelingt, beschreibt die Seite über die Hauptmahlzeit am Mittag.
Licht und Lärm herunterdrehen
Nach dem Essen sieht die Überlieferung einen kurzen Spaziergang vor, oft nur hundert Schritte. Danach wird der Abend ruhiger: Gespräche, Musik, Lesen, Gebet. Laute Unterhaltung und Arbeit, die den Kopf auf Hochtouren bringt, gehören eher in den Vormittag.
Übertragen auf eine Wohnung mit Bildschirmen heißt das ganz praktisch: das Deckenlicht aus, eine Tischlampe an, den Fernseher eine Stunde vor dem Schlafengehen ausschalten. Wer abends noch Nachrichten beantworten muss, tut es am besten direkt nach dem Essen und nicht im Bett. Auch das Gespräch über Geld, Streit und Termine findet in vielen Familien bewusst vor dem Abendessen statt und nicht danach.
Goldene Milch
In vielen indischen Haushalten gibt es am Abend eine Tasse warme Milch mit Gewürzen. Sie heißt Haldi Doodh, Kurkumamilch, und wird seit einigen Jahren auch hier als „Goldene Milch“ getrunken. In der Familie ist sie weniger ein Rezept als ein Handgriff: Milch in den Topf, eine Prise von dem, was in der Gewürzdose liegt, kurz aufkochen. Jede Großmutter macht sie ein bisschen anders.
Goldene Milch für zwei Tassen
- 400 ml Milch oder Pflanzendrink
- ½ TL gemahlene Kurkuma
- 1 cm frischer Ingwer, in Scheiben
- 1 kleines Stück Zimtstange
- 2 Kardamomkapseln, angedrückt
- 1 Prise schwarzer Pfeffer
- 1 TL Ghee oder Kokosöl, nach Wunsch
- Honig oder Rohrzucker zum Abschmecken
- Ghee im Topf schmelzen, Kurkuma darin wenige Sekunden rühren, bis es duftet. Nicht bräunen lassen.
- Milch, Ingwer, Zimt, Kardamom und Pfeffer dazugeben und langsam erhitzen.
- Kurz aufwallen lassen, dann bei kleiner Hitze fünf Minuten ziehen lassen und dabei rühren, damit nichts ansetzt.
- Durch ein feines Sieb in die Tassen gießen. Erst jetzt nach Geschmack süßen, Honig nicht mitkochen.
Wer die Milch zum ersten Mal macht, nimmt besser zu wenig Kurkuma als zu viel. Zu viel schmeckt staubig und bitter. Der Ingwer kann je nach Vorliebe kräftiger ausfallen; frisch gerieben wird er schärfer als in Scheiben. Eine Prise Muskat zum Schluss ist in manchen Familien üblich, andere geben ein paar zerstoßene Mandeln oder Safranfäden dazu, wenn Gäste da sind. Kurkuma färbt übrigens Kunststoff und Holzlöffel dauerhaft gelb, ein Metalllöffel ist die bessere Wahl.
Dass der Honig erst in die trinkwarme Milch kommt, ist eine alte Regel der Tradition, die Honig grundsätzlich nicht erhitzt. Viele nehmen dafür einen Honig aus einer Imkerei in der Nähe, dessen Geschmack in der Tasse noch zu erkennen ist. Wie Honig in der Überlieferung verwendet wird, steht ausführlicher auf der Seite Honig in der Tradition.
Die letzte Stunde
Für die Zeit vor dem Schlafen nennen die Texte wenige, aber feste Gewohnheiten: Füße waschen und mit etwas Öl einreiben, die Gedanken des Tages ordnen, rechtzeitig das Licht löschen. Als Richtwert gilt in der Tradition, vor zehn Uhr im Bett zu sein. Das passt erstaunlich gut zu dem Zifferblatt auf der Startseite, denn ab zehn beginnt dort wieder ein neuer Abschnitt. Was in diesen Stunden geschieht, beschreibt die Seite über die Nacht.
Der Abend ist damit das Spiegelbild des Morgens. Beides lebt von Wiederholung. Wer morgens mit einem Glas warmem Wasser beginnt und abends mit einer Tasse warmer Milch aufhört, hat schon zwei feste Punkte, an denen sich der Tag festhalten kann.
Zum Nachlesen: Lexikon der Ernährung: Gewürze · BZfE: Milch
Die Uhrzeiten auf dieser Seite sind Richtwerte aus der Überlieferung. Jeder Tag hat seine eigenen Pflichten, und kein Wecker klingelt bei allen zur selben Zeit.