Wer über den ayurvedischen Tageslauf liest, begegnet ständig drei Wörtern: Kapha, Pitta und Vata. Sie stehen hinter dem Zifferblatt auf der Startseite und hinter fast jeder Uhrzeit auf diesen Seiten. Was mit ihnen gemeint ist, und was nicht.
Eine Ordnung der Dinge
Die ayurvedische Lehre ist über zweitausend Jahre alt. Die Grundtexte, die Sammlungen von Charaka und Sushruta, entstanden in einer Zeit, in der es weder Mikroskope noch Laborwerte gab. Um die Welt zu beschreiben, griffen ihre Verfasser auf Bilder zurück, die jeder kannte: Wind, Feuer, Wasser, Erde, Raum. Aus diesen fünf Elementen leiteten sie drei Grundprinzipien ab, die Doshas.
Vata wird aus Luft und Raum gebildet und steht für alles, was sich bewegt. Pitta entsteht aus Feuer und etwas Wasser und steht für Wärme und Umwandlung. Kapha besteht aus Wasser und Erde und steht für Festigkeit, Zusammenhalt und Ruhe. Mit diesen drei Begriffen beschreibt die Tradition Landschaften, Speisen, Tageszeiten, Lebensalter und auch die Eigenarten von Menschen.
Keine Messwerte
Wichtig ist, was diese Begriffe nicht sind. Kapha, Pitta und Vata lassen sich nicht messen, nicht wiegen und nicht im Blut nachweisen. Sie sind keine Stoffe und keine Organe, sondern Ordnungsbegriffe, mit denen eine bestimmte Denkweise die Welt sortiert. Man kann sie mit den vier Temperamenten vergleichen, die in Europa lange verwendet wurden: Choleriker, Sanguiniker, Phlegmatiker, Melancholiker. Auch diese Begriffe haben Sprache und Literatur geprägt, ohne dass jemand sie im Labor gefunden hätte.
Auf diesen Seiten werden die Doshas deshalb so verwendet, wie man Begriffe aus einer fremden Tradition verwendet: als Schlüssel zum Verständnis der Texte. Wenn hier steht, dass der Vormittag im Kapha-Abschnitt beginnt, ist damit gemeint, dass die Überlieferung diese Stunden so beschreibt. Ein Urteil über den eigenen Körper folgt daraus nicht.
Der Tag in sechs Abschnitten
Die Tradition teilt den Tag in sechs Abschnitte zu je etwa vier Stunden. Jedes Dosha kommt zweimal an die Reihe, einmal am Tag und einmal in der Nacht. Die Grenzen richten sich in den Texten nach dem Sonnenaufgang; die Uhrzeiten hier sind auf einen mitteleuropäischen Tag mit Sonnenaufgang um sechs umgerechnet.
| Uhrzeit | Abschnitt | Wie die Tradition ihn beschreibt | Was sie dieser Zeit zuordnet |
|---|---|---|---|
| 06–10 | Kapha | ruhig, schwer, langsam in Gang | Bewegung, ein leichtes Frühstück |
| 10–14 | Pitta | warm, wach, klar | schwierige Arbeit, die Hauptmahlzeit |
| 14–18 | Vata | leicht, beweglich, unruhig | Gespräche, Wege, kreative Arbeit |
| 18–22 | Kapha | ruhig, schwer, abklingend | eine kleine Mahlzeit, Ruhe, Schlaf vor zehn |
| 22–02 | Pitta | warm, umwandelnd | Nachtruhe |
| 02–06 | Vata | leicht, klar, still | die frühe Stunde vor Sonnenaufgang |
Das Zifferblatt auf der Startseite zeigt dieselbe Einteilung als Kreis, mit Mittag oben und Mitternacht unten. Gut zu sehen ist dort die Symmetrie: Tag und Nacht spiegeln sich, und der ruhige Kapha-Abschnitt liegt jeweils am Morgen und am Abend.
Was daraus für den Alltag folgt
Aus der Einteilung ergeben sich die Gewohnheiten, die auf den einzelnen Seiten beschrieben sind. Weil der späte Vormittag als klar und warm gilt, liegt dort die wichtigste Arbeit. Weil die Mittagszeit als Zeit der Umwandlung gilt, liegt dort die Hauptmahlzeit. Weil der Abend wieder ruhig wird, fällt das Essen klein aus und der Schlaf beginnt früh. Und weil die Stunden vor Sonnenaufgang als still und klar beschrieben werden, empfiehlt die Tradition, vor dem Hellwerden aufzustehen.
Man kann diese Logik übernehmen, ohne die Begriffe zu übernehmen. Viele der Gewohnheiten decken sich mit dem, was auch hierzulande als vernünftig gilt: regelmäßige Mahlzeiten, ein früher Feierabend für den Kopf, Tageslicht am Vormittag, ein dunkles Schlafzimmer. Die Tradition liefert dafür eine Erzählung, die die einzelnen Regeln zu einem Bild verbindet.
Woher die Uhrzeiten kommen
Die Einteilung in sechs Abschnitte stammt aus den klassischen Lehrtexten, aber die genauen Uhrzeiten nicht. Die Texte rechnen nicht mit Stunden auf einer Uhr, sondern mit Abschnitten des Tages und der Nacht, die am Sonnenaufgang und Sonnenuntergang hängen. Ein Tagesdrittel ist in Indien ziemlich genau vier Stunden lang, weil Tag und Nacht dort über das Jahr nur wenig schwanken.
In Mitteleuropa ist das anders. An langen Tagen ist es von halb fünf bis zehn Uhr abends hell, an kurzen nur von acht bis halb fünf. Wer die Abschnitte streng nach der Sonne berechnet, bekommt jeden Tag andere Grenzen. Die meisten Bücher und auch diese Seiten nehmen deshalb einen gleichmäßigen Tag mit Sonnenaufgang um sechs als Rechengrundlage. Das ist eine Vereinfachung, aber eine, die den Gedanken der Tradition bewahrt: Der Tag hat einen Takt, und dieser Takt wiederholt sich.
Die Doshas und die Menschen
In der Überlieferung werden die drei Begriffe auch verwendet, um Menschen zu beschreiben. Jemand gilt dann als eher vom Vata, vom Pitta oder vom Kapha geprägt, und daraus folgen Ratschläge für Essen und Tagesablauf. In Büchern und im Internet gibt es dazu viele Fragebögen.
Diese Seiten gehen darauf bewusst nicht ein. Solche Einteilungen sind Teil einer Tradition, keine Untersuchung, und ein Fragebogen ersetzt kein Gespräch mit einer Fachperson. Hier geht es um den Tag, den alle Menschen teilen: um die Uhrzeiten, die Mahlzeiten und die kleinen Handgriffe, die jeden Morgen und jeden Abend gleich bleiben können.
Begriffe auf diesen Seiten
- Dinacharya: der Tageslauf, wörtlich das Verhalten des Tages
- Brahma Muhurta: die Zeit von etwa anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang
- Abhyanga: die Selbstmassage mit warmem Öl
- Tadka: in Fett geröstete Gewürze, die über ein Gericht gegossen werden
- Thali: der runde Teller mit vielen kleinen Schalen
- Madhu: Honig
Zum Nachlesen: DGE: Gut essen und trinken · LIA.nrw: Fakten zur inneren Uhr (PDF)
Die Uhrzeiten auf dieser Seite sind Richtwerte aus der Überlieferung. Jeder Tag hat seine eigenen Pflichten, und kein Wecker klingelt bei allen zur selben Zeit.