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Ayurveda im TageslaufGewohnheiten der Tradition, nach Uhrzeit

Der Morgen: Was die Tradition vorsieht

Von der Stunde vor Sonnenaufgang bis zum Frühstück

Kein Abschnitt des Tages ist in den ayurvedischen Texten so genau beschrieben wie der Morgen. Die Reihenfolge der Handgriffe steht fest, vom Aufwachen bis zur ersten Mahlzeit. Hier steht sie neben einem Morgen, an dem um halb acht die Bahn fährt.

Die stille Stunde

Die klassischen Texte der ayurvedischen Überlieferung beginnen den Tag früh. Sie sprechen vom Brahma Muhurta, einer Zeitspanne von etwa anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang. Diese Zeit gilt als besonders klar und ruhig, geeignet für Gebet, Lernen und Nachdenken. In Indien, wo die Sonne das ganze Jahr über zu ähnlichen Zeiten aufgeht, ergibt das eine feste Uhrzeit um fünf Uhr herum.

In Mitteleuropa schwankt der Sonnenaufgang im Lauf des Jahres um mehrere Stunden. Wer die Regel wörtlich nimmt, steht mal um drei, mal um sechs auf. Die meisten Menschen, die sich an diesem Ablauf orientieren, wählen deshalb eine feste Weckzeit und behalten vor allem den Kern: die erste halbe Stunde des Tages ruhig und ohne Nachrichten zu beginnen. Das Handy bleibt so lange im Flur liegen.

Der Ablauf nach der Überlieferung und auf einem Werktag

Die Reihenfolge der Morgenhandlungen ist in den Texten recht genau festgelegt. Die linke Spalte folgt ihr, die rechte zeigt, wie ein Morgen aussehen kann, an dem um halb acht die Bahn fährt.

Uhr
Nach der Tradition
An einem Werktag
05:00
Aufwachen vor Sonnenaufgang, einige Atemzüge im Liegen
(noch Schlaf)
05:15
Gesicht und Augen mit kühlem Wasser waschen
(noch Schlaf)
05:20
Zähne putzen, die Zunge mit einem Schaber reinigen
–
05:30
Ein Glas warmes Wasser, im Sitzen getrunken
–
05:45
Selbstmassage mit warmem Öl, danach ein Bad
–
06:15
Bewegung: Spaziergang, Yoga, Atemübungen
Aufstehen, Fenster auf, ein Glas warmes Wasser
06:30
Stille, Gebet oder Meditation
Zähne, Zunge, Dusche, fünf Minuten Öl an Händen und Füßen
06:50
Lernen, Lesen
Zehn Minuten Dehnen oder der Weg zum Bäcker zu Fuß
07:10
Ein leichtes, warmes Frühstück
Haferbrei mit gedünstetem Apfel und Zimt, dazu Tee

Auffällig ist, wie viel in der linken Spalte passiert, bevor überhaupt gegessen wird. Die rechte Spalte schrumpft das auf eine Stunde zusammen und lässt Massage, Stille und Lernen auf eine kürzere Form zusammenfallen. Das ist kein Verrat an der Überlieferung. Schon die alten Texte rechnen damit, dass nicht jeder Mensch über seinen Morgen frei verfügen kann.

Warmes Wasser und die Zunge

Zwei Handgriffe tauchen in fast jeder Beschreibung des ayurvedischen Morgens auf. Der erste ist ein Glas warmes Wasser gleich nach dem Aufstehen, langsam und im Sitzen getrunken. Warm heißt hier trinkwarm, etwa so, wie man einen Tee nach ein paar Minuten trinkt. Wer einen Wasserkocher hat, mischt einfach heißes mit kaltem Wasser.

Der zweite ist der Zungenschaber, ein gebogener Streifen aus Kupfer oder Edelstahl, mit dem nach dem Zähneputzen die Zunge von hinten nach vorne abgezogen wird. In indischen Haushalten liegt er neben der Zahnbürste so selbstverständlich wie hier die Zahnseide. Beides kostet weniger als eine Minute. Gerade deshalb eignen sich diese beiden Schritte gut als Anfang: Sie brauchen keinen Wecker, der eine Stunde früher klingelt.

Öl auf der Haut

Die Selbstmassage mit warmem Öl, Abhyanga genannt, ist in der Tradition ein tägliches Ritual. Sesamöl wird leicht angewärmt und mit ruhigen Strichen auf Kopf, Arme, Beine und Rumpf aufgetragen, bevor man badet. In den Texten ist das ein Akt der Pflege und der Aufmerksamkeit für den eigenen Körper, kein Programm mit Ziel.

Für einen Werktag reicht oft eine kurze Form: ein paar Tropfen Öl auf Händen und Füßen, vor oder nach der Dusche. Ein altes Handtuch, das ruhig fleckig werden darf, gehört dazu. Wer empfindliche Haut hat oder unsicher ist, welches Öl passt, fragt besser in der Apotheke oder bei der Hautärztin nach.

Bewegung vor dem Essen

Die Überlieferung sieht vor, sich morgens zu bewegen, aber nicht bis zur Erschöpfung. Ein Spaziergang, einige Yogahaltungen, ruhige Atemübungen. Als Maß nennen manche Texte den Punkt, an dem die Stirn leicht feucht wird. Wichtiger als die Art ist die Regelmäßigkeit: lieber jeden Tag zehn Minuten als einmal in der Woche eine Stunde.

Wer morgens keine Zeit findet, legt die Bewegung auf den Arbeitsweg. Eine Station früher aussteigen, das Fahrrad statt der Bahn, die Treppe statt des Aufzugs. Das ist weniger feierlich als eine Yogamatte im Morgenlicht, folgt aber demselben Gedanken.

Das Frühstück

Am Morgen soll das Essen leicht und warm sein. In Indien sind das je nach Region Poha aus flachgedrückten Reisflocken, Upma aus Grieß oder ein dünner Brei. Hier passt ein Haferbrei mit gedünstetem Obst, einer Prise Zimt und gemahlenem Kardamom gut ins Bild. Kalte Speisen direkt aus dem Kühlschrank sieht die Tradition am Morgen eher skeptisch. Wer ohne Brot nicht kann, toastet es und isst es mit etwas Warmem dazu.

Ein schneller Haferbrei für eine Person: 40 Gramm zarte Haferflocken mit 200 Milliliter Wasser oder Milch aufkochen, einen halben Apfel in kleinen Würfeln dazugeben, drei Minuten bei kleiner Hitze rühren. Zum Schluss Zimt und eine Messerspitze Kardamom darüber. Das dauert kaum länger als eine Schale Müsli und lässt sich schon am Abend vorbereiten.

Wie der Tag weitergeht, steht auf den anderen Seiten. Auf diesen Morgen folgt der Vormittag mit seinen ruhigen Arbeitsstunden, sein Gegenstück ist der Abend mit einer frühen, leichten Mahlzeit. Zusammen bilden Morgen und Abend den Rahmen, um den sich alles andere ordnet.

Zum Nachlesen: DGE: Empfehlungen zum Essen und Trinken

Die Uhrzeiten auf dieser Seite sind Richtwerte aus der Überlieferung. Jeder Tag hat seine eigenen Pflichten, und kein Wecker klingelt bei allen zur selben Zeit.